Über den Mut sich Fehler einzugestehen

Das letzte Jahr war ein einziges auf und ab in meinem Leben. Die Jahre davor hatten alle einen mehr oder weniger geregelten Ablauf, in die Schule gehen, den Hobbies nach gehen, Ferien und das alles in einem ewigen Kreis. Letztes Jahr im Frühjahr war dann plötzlich die Schule geschafft. Ich stand da, stolz und voll Vorfreude, mit dem Maturazeugnis in den Händen. Die große Leere die einige meiner Freunde nach dem Beenden der Schulzeit erleben, traf bei mir nicht ein, schon ein paar Monate später fing ich an Biologie zu studieren. Ein Umzug folgte. Das erste mal zog ich so richtig und wirklich aus meinem Elternhaus aus. Ich war nun völlig auf mich allein gestellt, eine neue Umgebung, ein neues Studium, ein neues Leben. Freundschaften wurden geschlossen, eine neue Stadt entdeckt und lieb gewonnen, gelernt, gelacht, gelebt. Doch ich merkte schnell, was mir da in den Vorlesungen vorgepredigt wurde, war nicht das, was mich wirklich faszinierte. Zwar schrieb ich die meisten der Klausuren mit, auch meine Leistungen waren ganz passabel aber insgeheim wusste ich, das ist nicht das, was ich für den Rest meines Lebens machen möchte. 
Es ist immer schwierig sich einzugestehen, dass Entscheidungen die man getroffen hat, sich als falsch erweisen. Ich musste mir eingestehen dass die Idee, ich könnte doch Biologie studieren, eine spontane, nicht gut überlegte Entscheidung war. Ich hatte versucht mich selbst zu täuschen und mir vor zu machen, dass das, das ist was mich interessiert, dabei war mir ganz tief in meinem Inneren bewusst, das Naturwissenschaften noch nie zu meinem Leidenschaften gehört hatten. 


Manchmal trifft man Entscheidungen weil man denkt, dass ist das einzig richtige, das einzige kluge und man gibt sich nicht die Zeit in sich hinein zu hören um festzustellen ob es wirklich das ist was man aus tiefstem Herzen möchte. Falsche Entscheidungen einzugestehen ist, vor allem wenn vieles damit verbunden ist, wahnsinnig schwierig. In meinem Fall war es nicht nur der Abbruch eines Studiums, und damit das Gefühl versagt zu haben, sondern auch das Aufgeben einer Wohnung, das Aufgeben einer Stadt.

Ich nahm all meinen Mut zusammen, exmatrikulierte mich, zog aus meiner ersten eigenen Wohnung aus und wieder zurück in die Heimat. Um das Loch, des “was tu ich jetzt” zu schließen, beschloss ich mich für Medizin zu bewerben. Ein Studium von dem ich glaubte, es könnte mich fesseln und interessieren. Aber so naive und leicht wie ich mir die erste Entscheidung gemacht hatte, machte ich es mir diesmal nicht. Das ist das Gute an den vielen Fehlentscheidungen die man in seinem Leben trifft, man lernt aus jeder Einzelnen. Ich bewarb mich für ein zwei monatiges Praktikum in einer Klinik. Dieses mal wollte ich mir wirklich hundert prozentig sicher sein. Doch mit den ersten Wochen Praktikum, vielen Erfahrungen, Gesprächen mit Ärzten und Op’s, wurde mir plötzlich klar, die Arbeit als Arzt ist nichts für mich. Diese Tatsache einzugestehen viel mir noch viel schwerer als das Abbrechen meines Studiums. Denn wie erzählt man das seinen Eltern, seinen Freunden, dass auch die zweite Idee eine Sackgasse ist? Nach einem weiteren Praktikum in einer Kinderarztpraxis war ich mir dennoch sicher, dass der Weg über die Medizin der falsche für mich ist.

Es dauerte also ein weiteres halbes Jahr bis ich das erste mal wirklich ehrlich zu mir war und mir eingestand, dass es die Naturwissenschaften nicht waren. Dank der großen Unterstützung meiner Eltern schaffte ich es, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Was liebte ich, was genoss ich in der Freizeit, welche Fächer waren in der Schulzeit meine Lieblingsfächer, was konnte ich mir als Beruf vorstellen? Die eigentliche Erkenntnis kam, als ich in die Unistadt in meiner Nähe gefahren war um mir dort Vorlesungen in “Kommunikationswissenschaften” anzuhören. Fast zufällig fand ich mich an diesem Tag auch in einer Jura Vorlesung wieder. Da saß ich in einem der rießigen Vorlesungssälen, vorne erzählte der Professor und ich hang an seinen Lippen. Die zwei Stunden Vorlesung fand ich wahnsinnig spannend. Eine zweite Vorlesung folgte, eine dritte und irgendwann zwischen Strafrecht und Zivilrecht hatte ich mein neues Studium gefunden.

Das erste Semester als Jurastudentin ist bereits um. Es ist an mir vorüber gesaust, hat mich viel Neues lernen lassen, mich bereichert und mich glücklich gemacht. Morgens wache ich auf, starte mit Freude in den neuen Tag, freue mich auf die bekannten Gesichter in der Uni, die Stadt die ich noch immer am entdecken bin und auf alles was auf mich zukommt. Natürlich zweifele ich nach wie vor an Entscheidungen und laufe nicht jeden Tag mit einem Lächeln herum. Es gibt Dinge die mich beschäftigen, die mir Angst machen, die am liebsten einfach wegwischen würde. Aber das gehört dazu, das Leben ist keine Frühlingswiese sondern ein Weg durch die Berge. Trotzdem fühle ich mich wohl in dem Hier und Jetzt und das ist unglaublich viel wert. Ich habe das schöne Gefühl angekommen zu sein. Darum bereue ich keinen einzigen der großen Schritte die ich getan habe, den nur durch diese Fehlschritte bin ich nun wo ich bin und wo ich sein will. 

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2 Comments

  1. Ich finde es zum einen super, dass du dich das getraut hast, einen ganz anderen Weg einzuschlagen und so die Richtung deines Lebens zu ändern – Hut ab! Aber genauso klasse finde ich die Reaktion deiner Eltern, dich zu unterstützen – das machen dann doch leider nicht viele… Viel Spaß dir daher bei deinem Studium!

    1. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ja, das stimmt, ich hatte das große Glück viel Unterstützung von meinen Eltern zu erfahren. Ich glaube aber auch wenn die Familie anfangs nicht ganz hinter einem steht sollte man den Schritt trotzdem wagen, wenn es das ist, was einen glücklich macht.
      Dankeschön!

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